Appetitstörungen bei älteren Patienten

Der menschliche Körper benötigt die richtigen Nährstoffe, um bis ins hohe Alter fit zu bleiben. Doch gerade in späteren Jahren lässt der Appetit oft dramatisch nach. Das liegt einerseits an einer verringerten Funktion der menschlichen Verdauungs- und Stoffwechselorgane: Der Grundstoffwechsel arbeitet bei einem 75-Jährigen um ca. 16% langsamer als bei einem 30-Jährigen. Der Bedarf an hochenergetischen Nährstoffen, wie Kohlehydraten und Fetten, sinkt in der Folge gar um 30–40%. Andererseits sind es vor allem Medikamente, die zu Appetitlosigkeit führen können.

Medikamente, die Appetitstörungen verursachen können

Insbesondere die hier aufgelisteten Medikamentengruppen sollten auf den Prüfstand, wenn es um die Ursachenforschung einer Appetitstörung geht.

Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)

Diese Klasse der Schmerzmittel gehört zu den am meisten verwendeten Medikamenten. Von einer langfristigen Einnahme wird unter anderem abgeraten, da die Medikamente die Magenschleimhaut schädigen können und Übelkeit, Appetitlosigkeit und Durchfall verursachen können.

Herz-Kreislauf-Medikamente

Aufgrund von Bluthochdruck und Gefäßveränderungen nehmen viele ältere Menschen Blutdrucksenker, wie z.B. ACE-Hemmer oder Beta-Blocker. Aber auch Herzglykoside zur Behandlung von Herzinsuffizienz können den Appetit beeinträchtigen.

Sympathomimetika

Diverse Präparate zur Erweiterung der Bronchien, wie z.B. Fenoterol oder Salbutamol wirken sich negativ auf den Appetit aus und bewirken unangenehme Mundtrockenheit.

Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI)

Diese häufig eingesetzten Antidepressiva können als gastrointestinale Nebenwirkung nicht nur Appetitlosigkeit, sondern auch Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall hervorrufen.

Methylphenidat

ADHS kann auch bis ins Seniorenalter persistieren. Schätzungen aus dem Jahr 2009 gehen von einer Prävalenz von 3,3% bei Menschen zwischen 65 und 80 Jahren aus. Zudem werden Methylphenidat-Präparate (Ritalin) auch eingesetzt, um ältere Menschen vor Stürzen zu bewahren und Antriebsschwäche zu lindern. In den ersten Monaten der Einnahme reduziert der Wirkstoff nicht selten den Appetit.

Chemotherapeutika

Kaum eine medikamentöse Behandlung weist so häufig Nebenwirkungen auf wie Zytostatika. Eine Chemotherapie geht meist mit Übelkeit und Erbrechen einher und wirkt sich dann besonders stark appetithemmend aus.

Ein im Alter verringerter Leberstoffwechsel und eine eingeschränkte glomeruläre Filtrationsleistung der Niere verschärfen diese Nebenwirkungen zusätzlich, da Medikamente langsamer abgebaut werden als bei jüngeren Menschen.

Weitere Ursachen der Appetitlosigkeit

Im Alter entsteht die Appetitlosigkeit möglicherweise durch multimorbide Faktoren, die ebenfalls in die Ursachenforschung einbezogen werden sollten.

Ein guter Appetit ist ganz wesentlich von der Freude am Essen abhängig. Doch nicht nur die Geschmacksknospen büßen an Menge und Sensibilität im Alter deutlich ein und machen den Geschmack von Essen fade. Auch das Auge, das bekanntlich mitisst, liefert ein weniger appetitliches Bild von der Nahrung. Daher empfiehlt es sich, Mahlzeiten möglichst mit kurz blanchiertem, buntem Gemüse zuzubereiten und es aromatisch zu würzen.

Der verringerte Kalorienbedarf spiegelt sich in einem herabregulierten Regelkreis des Hungerzentrums wider. Die verlangsamte Magen-Darm-Passage führt zu einer verminderten Nahrungskapazität im Magen. Da die Bauchspeicheldrüse weniger Verdauungsenzyme und der Magen weniger Verdauungssäfte bilden, werden weniger Nährstoffe durch Insulin umgesetzt und es kommt zu einem dauerhaft erhöhten Blutzuckerspiegel. Dabei ist es das Insulin, das im Hungerzentrum als Sättigungssignal verarbeitet wird.

Verschiedene Vorerkrankungen sind ebenfalls dafür bekannt, den Appetit empfindlich zu stören. Dazu gehören zum Beispiel Herzerkrankungen, Diabetes, Nierenschwäche, neurologische Erkrankungen (Demenz), Magen-Darm-Erkrankungen (Magenschleimhautentzündung, Darmschleimhautentzündungen, Geschwüre, Magenkrebs), Allergien, Lebererkrankungen (Zirrhose, Hepatitis) und Bauchspeicheldrüsenentzündungen. Bei Appetitstörungen muss darüber hinaus an psychische Leiden gedacht werden, wie Depressionen, Suchterkrankungen oder chronischer Stress.

Folgen der Appetitlosigkeit

Eine Studie der Monash University in Taiwan aus dem Jahr 2014 untersuchte Appetitlosigkeit bei 1800 älteren Teilnehmern und kam zu dem Schluss, dass ein Zusammenhang mit der Sterblichkeitsrate besteht. Die „Anorexie des Alterns“ hatte einen signifikant negativen Einfluss auf die Zufuhr essenzieller Nährstoffe, wie Vitamin B, Vitamin D, Folsäure, Proteine und Mineralstoffe. Als Folge einer Mangelernährung kann es gehäuft zu Stürzen, dem Verlust kognitiver Fähigkeiten sowie einer schnell voranschreitenden Altersdemenz kommen.

Maßnahmen zur Verbesserung des Appetits

Wer sich im Alter seinen Lebenshunger bewahrt und seinen Lebenssinn stärkt, tut damit auch etwas für seinen Appetit. Die wohl wichtigste Maßnahme ist eine regelmäßige und angepasste Bewegung, um den Grundumsatz des Stoffwechsels anzukurbeln. Zudem sollte die Attraktivität der Mahlzeiten erhöht werden, indem der Esstisch einladend geschmückt ist und die Zutaten frisch und farbenfroh wirken. Wird zum Beispiel Gemüse kurz und knackig („al dente“) gekocht, wirkt es wesentlich appetitlicher als verkochtes Gemüse. Um die Reduktion des Geschmackssinns auszugleichen, sollten kräftige Gewürze (Vorsicht jedoch bei Salz) und frische Gartenkräuter verwendet werden. Gehaltvolle Zutaten stellen die Kalorienzufuhr sicher. Da der Magen weniger Nahrung aufnehmen kann, sind fünf kleine Mahlzeiten am Tag besser als zwei oder drei große Mahlzeiten. Eventuell bietet es sich an, Trinknahrung und kalorienreiche Getränke einzuführen, da diese bei Appetitlosigkeit leichter aufgenommen werden können.

Zu den Appetitanregern gehören:

  • Frisches Obst
  • Gemüse
  • Mageres Fleisch
  • Geflügel
  • Nüsse und Samen zum Knabbern
  • Vollkornprodukte
  • Gewürze wie Ingwer, Koriander, Estragon, Basilikum, Curry, Paprika, Cayennepfeffer, Chilischoten

Eine nachgewiesene den Appetit steigernde Wirkung haben:

  • Petersilie
  • Lorbeer
  • Majoran
  • Blattgemüse
  • Lebensmittel mit bitterem Geschmack

Naturheilkundliche Behandlung von Appetitstörungen

Die Behandlung der Appetitlosigkeit richtet sich ganz nach ihrer Ursache. Die folgenden naturheilkundlichen Mittel haben sich jedoch besonders bewährt:

  • Bittermittel wie Löwenzahn, Tausendgüldenkraut, Wermut, Angelika, Schafgarbe, Enzian, Fenchel in Kombination mit Galgant (Presslinge), Grapefruitsaft, bittere Schleifenblume und bittere Salate. Die enthaltenen Bitterstoffe regen die Verdauungssäfte und den Appetit an.
  • Ingwerwasser oder Salbeitee vor den Mahlzeiten regen die Magensekretion an.
  • Ätherische Öle wie die von Zitrone, Origanum, Anis oder Bergamotte verbreiten einen appetitanregenden Duft.
  • Homöopathische Mittel wie Ignatia, Abrotanum, Alfalfa, Condurango, die jedoch genau auf das Beschwerdebild abgestimmt werden sollten.

Auch homöopathische Komplexmittel können dazu beitragen, dass die Bildung von Verdauungssäften und damit auch die Speichelbildung angeregt wird. Die Präparate Flatulini in Globuliform und Magen-Darm-Tropfen Cosmochema enthalten die gleichen pflanzlichen Bestandteile und wirken in sehr tiefen Potenzen symptomatisch verdauungsfördernd.

Die Bitterstoffpflanzen Gentiana lutea und Artemisia absinthium bewirken einen Vagusreiz, der zur Anregung von Verdauungssäften (und Speichel) sowie zur Steigerung der Motilität des Magen-Darm-Traktes beiträgt. Es ist wichtig, die Präparate etwa eine Viertelstunde vor den Mahlzeiten zu geben, um die Verdauungstätigkeit schon vorbereitend anzuregen. Juniperus communis und Matricaria recutita unterstützen die Wirkung durch krampflösende und entzündungshemmende Wirkaspekte bei Aufblähung des Oberbauchs direkt nach dem Essen.

Ist eine verminderte Sekretionsleistung der Leber auslösend für Verdauungsprobleme im Alter, z.B. wenn viele Medikamente den Leberstoffwechsel belasten, regt Hepeel mit seinen pflanzlichen Wirkstoffen in tiefen Potenzen die Bildung der Gallenflüssigkeit an und unterstützt damit insbesondere die Fettverdauung.

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Quellen
Bierbach E (2013) Naturheilpraxis heute. Lehrbuch und Atlas. 5. Aufl. Urban & Fischer in Elsevier

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