Die Vikariation als Beschreibung dynamischer Krankheitsprozesse

Basierend auf seinen Beobachtungen von Verschlechterung und Besserung von Krankheiten unter homöopathischer Therapie entwickelte Dr. H.-H. Reckeweg ab 1948 eine Systematik zur Beschreibung dieser dynamischen Krankheitsentwicklungen und nannte sie Vikariation. Er hatte insbesondere bei der homöopathischen Therapie beobachtet, wie chronische Krankheiten durch spontane Ausleitungsprozesse ausheilten und wie Symptome während der Behandlung auf andere Gewebetypen übergingen. Um zu veranschaulichen, wie die Vikariation sowohl Krankheitsverläufe (von akut nach chronisch) sowie Gewebewechsel beschreibt, ist aber zunächst ein Blick auf das Sechs-Phasen-Modell der Homotoxikologie nötig. Es bildet eine Art Matrix, in der sich Krankheiten dynamisch wandeln.

Das Sechs-Phasen-Modell der Homotoxinabwehr

Sechs-Phasen-Tabelle

Die Sechs-Phasen-Tabelle enthält die derzeit 300 häufigsten Indikationen und ordnet sie sechs verschiedenen Phasen zu. Sie bildet ein morphologisch-zeitliches Gefüge ab, um Krankheits- und Heilungsprozesse in einen Verlauf einordnen zu können. Die sechs Phasen werden dafür drei pathophysiologischen Grundprinzipien zugeordnet:

  • Zwei humorale Phasen gehören zum Grundprinzip der Ausscheidung.
  • Zwei Matrixphasen basieren auf dem Grundprinzip der Ablagerung.
  • Zwei zelluläre Phasen beschreiben das Grundprinzip der Degeneration und Entartung von Zellen.

Die sechs Phasen lassen sich vor diesem Hintergrund wie folgt beschreiben:

Grundprinzip Ausscheidung (humorale Phasen)

  1. Exkretionsphase: Durch eine lokal begrenzte, akute Abwehrreaktion versucht der Körper, das Homotoxin auszuscheiden.

    Beispiele: (Verstärkte) Ausscheidung der Homotoxine über Schweiß, Urin, Stuhl, Menstruation, Gallenflüssigkeit mit teilweise pathologischen Veränderungen dieser Ausscheidungen.

  2. Inflammationsphase: Die Ausscheidung des Homotoxins ist nicht mehr möglich und es kommt zur Aktivierung der großen Abwehr mit entzündlichen und fiebrigen Prozessen.

    Beispiele: Fieber, Entzündungen und Schmerzen, Ekzeme, Abszesse, Furunkel, pathologische Ausscheidungen.

Grundprinzip Ablagerung (Matrixphasen)

  1. Depositionsphase: Ist der Körper nicht in der Lage, das Homotoxin auszuscheiden, lagert er es in bestimmten Geweben ab, wie z.B. im Mesenchym, aber auch in Fettgewebe, Galle und Haaren. Damit wird es gebunden und die schädliche Wirkung auf die Fließeigenschaften abgeschwächt. Doch die Gewebebelastung führt mitunter zu funktionellen Störungen betroffener Gewebe und Organe. Dadurch kommt es nicht selten zu chronischen Erkrankungen.

    Beispiele: Benigne Ablagerungen wie Lipome, Nieren- oder Gallensteine.

  2. Imprägnationsphase: Das eingelagerte Homotoxin kann nicht mehr verkapselt werden und schädigt umgebende zelluläre Funktionen und Strukturen.

    Beispiele: Persistierende Viruserkrankungen.

Grundprinzip Degeneration und Entartung (zelluläre Phasen)

  1. Degenerationsphase: Wenn diese Störungen weiter anhalten und die Homotoxine im System verbleiben, kommt es zu Strukturveränderungen von Geweben und Organen. Chronisch-degenerative Erkrankungen gehören zu dieser Phase.

    Beispiele: Leberzirrhose, Arthrose, Schrumpfniere.

  2. Dedifferenzierungsphase: Es kommt zu einer Veränderung des genetischen Materials im Zellkern und malignem Wachstum oder Neubildungen des betroffenen Gewebes.

    Beispiele: Karzinome, Sarkome, Leukämie.

Der Biologische Schnitt: Trennlinie zwischen Regulation und Kompensation

Der Biologische Schnitt befindet sich mittig zwischen der Depositionsphase (Phase 3) und der Imprägnationsphase (Phase 4). Er markiert die Grenze der Regulationsfähigkeit des Organismus. Der Körper ist links vom Biologischen Schnitt noch in der Lage, sich durch Selbstregulation zu heilen. Charakteristisch für Erkrankungen in den drei Phasen links des Biologischen Schnitts:

  • Die intrazellulären Strukturen sind noch intakt.
  • Es sind keine Enzymblockaden vorhanden.
  • Eine Verkapselung in der Matrix (Depositionsphase: Nierensteine, Lipome etc.) zieht die Homotoxine aus dem Verkehr und führt zu keinen funktionellen Beeinträchtigungen.

Rechts des Biologischen Schnitts geht die Regulation in eine Kompensation über, denn hier wird der Körper nun nicht mehr aus eigener Kraft mit dem Homotoxin fertig. Es kommt zu einer zunehmenden regulatorischen Entkopplung seiner Subsysteme, wie z.B. des Immunsystems vom Hormonsystem (bei Autoimmunerkrankungen) oder der Aufhebung der natürlichen Apoptose (bei Krebs). Die Kompensation zeigt sich z.B. durch:

  • einen chronischen Krankheitsverlauf mit längerer Entwicklungszeit
  • strukturelle, intrazelluläre Schäden an Organellen und Zellen
  • Enzymblockaden
  • eine gestörte Funktion der Matrix durch häufig auftretende Azidose
  • Fehlsteuerung des Immunsystems
  • die stark eingeschränkte Versorgung der angrenzenden Parenchymzellen

Vikariation: Krankheitsentwicklung als Phasen- und Gewebswechsel

Mit dem Begriff der Vikariation wird die Dynamik jedes Krankheits- und Gesundungsprozesses beschrieben, die mit einer Veränderung von Krankheitszeichen einhergeht. Entscheidend für die Krankheitsentwicklung des Organismus ist seine Regulationsfähigkeit einerseits sowie die Natur, Einwirkdauer und Reizstärke des einwirkenden Homotoxins (für den menschlichen Körper schädliches Agens) andererseits. Die Interaktion des Biosystems mit den Homotoxinen verändert sich fortlaufend: Dabei kommt es zu einer Verschiebung der Abwehrreaktion in eine andere Phase und einer Verlagerung in ein anderes Organsystem bzw. Gewebe.

Orientierung für die therapeutische Arbeit

Anhand des Phasenverlaufs kann der Therapeut ablesen, ob die Therapie eine Veränderung in die gewünschte Richtung herbeiführt. Dieses Prinzip ist in der Homöopathie und anderen naturheilkundlichen Verfahren seit Langem bekannt, wird aber in der Homotoxikologie erstmalig in einem Koordinatensystem systematisiert. Die Verschlechterung verläuft von links nach rechts sowie von oben nach unten (progressive Vikariation), die Verbesserung von rechts nach links sowie von unten nach oben (regressive Vikariation).

Vikariationsbeispiel anhand atopischer Krankheiten

Ein typisches Beispiel für eine Vikariation ist der Wechsel zwischen Asthma und Ekzem, der je nach Ausgangslage und Therapie in beide Richtungen gehen kann. Dies sieht man manchmal, wenn allergische Hautreaktionen oder Rhinitis-Symptome zurückgehen, dafür aber vermehrt asthmatische Beschwerden auftreten. Umgekehrt kann sich eine erfolgreiche Asthmatherapie durch einen Rückgang der Asthmasymptome bei einem gleichzeitigen Wiederaufflammen von Hauteffloreszenzen und Heuschnupfenbeschwerden äußern. Ersteres bedeutet eine progressive Vikariation, letzteres eine regressive Vikariation.

Das E-Learning zur Homotoxikologie

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